Zwei norwegische Dichter·innen sind an diesem Abend mit der Übersetzerin Katrin Pitz zu Gast im Haus für Poesie: Fredrik Hagen (*1991 in Odda) und Helene Imislund (*1984 in Oslo). Moderation: Alexander Kappe.
»Wenn wir Glück haben, hinterlassen unsere Körper Hohlräume in der Erde, die später von den Wesen anderer Welten ausgegossen werden können.« Fredrik Hagens fünfter Gedichtband »La det bli / En ensom tid« (Cappelen Damm 2024) erschien im letzten Jahr in deutscher Übersetzung von Katrin Pitz unter dem Titel »lass es sein / eine einsame zeit« (gutleut verlag). Darin wird eine umgekehrte Schöpfungsgeschichte erzählt, in der alles, was es je gab, zu existieren aufhört – angefangen von der Ruhe, die zuerst verschwindet, bis zum Licht, und »danach wird alles, was existiert, unendliche Dunkelheit sein und niemand wird mehr versuchen können, es zu verstehen«. Dabei lesen sich Hagens poetische Miniaturen jedoch nicht als Schreckensszenario, sondern als tröstender Kosmos, in dem Vergehen und Werden stets ineinandergreifen und das Leben immer wieder von vorn beginnt. Auch die eigene Vergänglichkeit und die Trauer über den Tod der Mutter finden somit Eingang in eine existentielle Genealogie, in der Leben und Sterben immer schon in denjenigen angelegt sind, die vor und nach uns kommen: »Bis zu den letzten Tagen wird sich das Leben immer wieder neu erschaffen. Dein eigenes Leben hat im Bauch deiner Großmutter begonnen.«
Helene Imislunds Erzählband »Aller Dinge Kern« (Trottoir Noir) erschien im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung von Nora Pröfrock. Für diesen Abend werden erstmals Gedichte aus ihren beiden Lyrikbänden, »Spredte døtre« (Cappelen Damm 2018, »Verstreute Töchter«) und »Rommenes bok« (Cappelen Damm 2023, »Buch der Räume«), ins Deutsche übersetzt. Die drei Stimmen in »Spredte døtre« stehen dem Tod gegenüber: ein todkrankes Ich, das noch drei Monate oder drei Jahre zu leben hat; ein Ich, das eine Verwandte beerdigt; und ein alterndes Ich, das aus dem eigenen Heim in ein Pflegeheim zieht, in ein »Wartezimmer«, wartend auf Besuch, auf das Mittagessen und auf den nächsten Bewohner – wie eine stehengebliebene Sanduhr, die aufgehört hat, sich um die Zeit zu scheren. Das Ich in »Rommenes bok« erinnert sich an alle Räume, durch die es sich bewegte, reale und vorgestellte, teilweise nur lückenhaft erinnerbare Räume: das Kinderzimmer, durch dessen Fenster es jeden Tag dieselben Bäume sieht, oder die Neugeborenenstation, auf der das eigene Kind viele Jahre später liegt und an die es sich nicht wird erinnern können. Aber auch der Name des Ich wird zum Raum, den es betritt, »und alle, die ich kenne, nennen mich gleich«.
Die Veranstaltung wird norwegisch-deutsch gedolmetscht. Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen.
Mit freundlicher Unterstützung von NORLA.
Foto Fredrik Hagen © Linn Heidi Stokkedal
Foto Helene Imislund © Fredrik Imislund