The Sound of Courage – Projektlandschaft Dänemark

Von Zahlen und Netzwerken – Musik und Gleichstellung in Dänemark

Niemand wusste mit Sicherheit, wie unausgewogen das Geschlechterverhältnis in der dänischen Musikbranche war, bis im Jahr 2011. In diesem Jahr gaben mehrere Musikorganisationen eine Studie in Auftrag, die die Debatte grundlegend veränderte. In den unterschiedlichsten Bereichen – von Künstler·innen über Branchenakteur·innen bis hin zu medialen Gatekeeper·innen und anderen – lag das Verhältnis bei etwa 80 Prozent Männern zu 20 Prozent Frauen.

Vor 2011 hatten Diskussionen über Geschlechterungleichheit in der Musik in Dänemark nur schwer Gehör gefunden. Vielleicht, weil sich lange die inoffizielle Erzählung hielt, dass die Gleichstellung der Geschlechter bereits in den 1970er Jahren erreicht worden sei. Dadurch blieb wenig Raum für Gespräche über strukturelle Barrieren, und es war keineswegs ungewöhnlich zu hören, Frauen in der Musik müssten sich einfach mehr anstrengen und im Wettbewerb behaupten.

Erste Schritte: Camps und Gemeinschaft

Sobald die Zahlen sichtbar wurden, begann sich etwas zu verändern. Frühe Initiativen konzentrierten sich auf Musikcamps für Mädchen und junge Frauen, die unterstützende Räume schufen, in denen sie sich kennenlernen, ihre Fähigkeiten entwickeln und Selbstvertrauen als Musikerinnen und Songwriterinnen aufbauen konnten. Pop-Pilot wurde 2012 gegründet, inspiriert von Schwedens langjährigem Popkollo-Camp. 2014 folgte JazzCamp for Girls, das sich 2019 international ausweitete.

In den 2010er-Jahren entstanden zahlreiche weitere Initiativen zur Talentförderung. Dazu gehörten unter anderem She Can Play als nächster Schritt in Richtung einer professionellen Karriere sowie Future Female Sounds mit dem Ziel, das männlich geprägte Narrativ rund um den Beruf DJ zu verändern.

Festivals, Diversität und Gleichstellung

Im Jahr 2013 machte die kanadische Künstlerin Peaches mit dem Tweet »138 ARTISTS, 11 WOMEN, 21 MIXED, 106 MEN« auf das Ungleichgewicht beim Roskilde Festival aufmerksam. Etwa zur gleichen Zeit begannen Journalist·innen, die Festivalprogramme in ganz Dänemark genauer zu untersuchen und das Thema fest auf die öffentliche Agenda zu setzen.

Während Festivals und Veranstaltungsorte lange darauf beharrt hatten, dass allein die »Qualität« ihre Buchungen bestimme, entwickelte sich allmählich eine Diskussion über unbewusste Vorurteile und Repräsentation. Roskilde, das größte Musikfestival Nordeuropas, wurde zu einem Vorreiter dieser Arbeit, die im Diversity & Equity Action Plan 2022–2025 gipfelte. Im Jahr 2024 präsentierte das Festival erstmals mehr von Frauen angeführte Acts als von Männern. Einige dänische Festivals hinken jedoch weiterhin hinterher und weisen zum Teil noch sehr unausgewogene Programme auf.

Künstlerinnen organisieren den Wandel

Auch die Künstler·innen selbst wurden aktiv. 2016 wurde die Showcase-Initiative HUN SOLO ins Leben gerufen, um auf die Fülle weiblicher Talente aufmerksam zu machen, die von Festivals und Veranstaltungsorten häufig übersehen wurden. Seit ihren Anfängen auf einer kleinen Bibliotheksbühne hat HUN SOLO mehr als 150 Musikerinnen präsentiert und feierte kürzlich sein zehnjähriges Bestehen im großen Konzertsaal des dänischen Rundfunks.

Musikbevægelsen af 2019 (Die Musikbewegung von 2019) begann als eine basisdemokratische Facebook-Gruppe für Frauen und Geschlechterminoritäten, um Ratschläge auszutauschen, Mitstreiter·innen zu finden und sich gegenseitig zu unterstützen. Heute ist daraus ein bemerkenswertes Netzwerk der Solidarität und eine einflussreiche Stimme in der Debatte geworden.

Und dann kam MeToo

Im Jahr 2020 war die #MeToo-Bewegung in Dänemark bereits langsam aus dem öffentlichen Bewusstsein und der gesellschaftlichen Debatte verschwunden. Das änderte sich, als die Fernsehmoderatorin Sofie Linde in einer Fernsehansprache über ihre Erfahrungen mit Sexismus in der Medienbranche sprach und damit eine landesweite Auseinandersetzung auslöste.

Der Fokus weitete sich schnell auf die Musikbranche aus. 97 Musikerinnen berichteten der Zeitung Politiken von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung, Belästigung und Übergriffen. Dies war ein mutiger Schritt, da Künstler·innen und Frauen aus der Branche aus Angst um ihre Karrieren häufig geschwiegen hatten.

Dann legte im Jahr 2024 die Dokumentation »Sexism in the Music Industry« die Probleme noch deutlicher offen. Künstlerinnen wie Pernille Rosendahl und Mathilde Falch kritisierten die intensive Fokussierung auf weibliche Körper. Mathilde Falch wies darauf hin, dass Songwriting aus der Seele komme, sich aber, sobald man in die Branche eintrete, die Vermarktung der Musik plötzlich um das eigene Aussehen und darum drehe, ob man wie jemand aussehe, mit dem Männer Sex haben möchten. Katinka erklärte, dass der Titelsong ihres Albums »Vi er ikke kønne nok til at danse« (Wir sind nicht hübsch genug zum Tanzen) von der Art und Weise inspiriert worden sei, wie die Branche sie dazu gebracht habe, ihren eigenen Körper wahrzunehmen. Die Dokumentation sorgte außerdem mit Berichten über Machtmissbrauch und unangemessenes Verhalten einiger prominenter männlicher Musiker für Aufsehen.

Bewusstsein, Altersprobleme – und endlich wieder eine Frau an der Chartspitze

Die geschlechterbezogenen Probleme in der dänischen Musik sind noch lange nicht gelöst, doch heute gibt es ein Bewusstsein dafür und die Bereitschaft, darüber zu sprechen und zu handeln. Jüngste Berichte deuten sogar auf Fortschritte hin, wenn auch langsame.

Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Ungleichheiten. Zahlen der Verwertungsgesellschaft Koda zeigen, dass Frauen nur 11 Prozent der gesamten Tantiemenzahlungen erhalten. Ihr Anteil sinkt zudem nach dem 40. Lebensjahr drastisch – ein Muster, das sich bei Männern nicht beobachten lässt. Dies wirft Fragen darüber auf, wessen Karrieren die Branche über längere Zeit hinweg wertschätzt und unterstützt. Dürfen wir von einer Zukunft träumen, in der auch ältere Frauen gefeiert werden? So wie wir ältere männliche Ikonen für ihre Rauheit, ihre Erfahrung und ihre Autorität feiern? Wir brauchen eine breite Vielfalt an Geschichten und Perspektiven – wir alle verlieren, wenn die Stimmen von Frauen verstummen.

Ermutigend ist hingegen die Entwicklung unter den jüngeren Mitgliedern von Koda, bei denen die Zahl weiblicher Künstlerinnen zunimmt.

Das vergangene Jahr brachte zudem eine erfrischende Veränderung an der Spitze der nationalen Albumcharts: Der junge Shootingstar Annika erreichte Platz eins und wurde damit zur ersten dänischen Künstlerin seit 1999, der dies gelang.

Wo heute gehandelt wird

Auf politischer Ebene ist die Gleichstellung der Geschlechter ein Schwerpunkt des Musikaktionsplans des dänischen Kulturministeriums für die Jahre 2023–2026. Der dänische Rundfunk initiierte 2021 ein Projekt zur Erhöhung des Anteils weiblicher Künstlerinnen in seinen Musikprogrammen und veranstaltet jährlich einen Gipfel zu diesem Thema. Darüber hinaus spielt das Wissenszentrum für Geschlechterfragen KVINFO durch Forschung, Interessenvertretung und die Unterstützung zentraler Initiativen eine bedeutende Rolle.

Familienleben und Elternzeit sind zu einem neuen Schwerpunkt geworden. Im vergangenen Jahr dokumentierte ein Bericht, dass Kinder die Karrieren von Musikerinnen deutlich stärker beeinflussen als die ihrer männlichen Kollegen. In diesem Jahr forderten Musikorganisationen und Gewerkschaften gesetzliche Änderungen, um einen fairen Zugang zu Elternzeitleistungen für Musiker·innen und andere Menschen mit mehreren Einkommensquellen zu gewährleisten.

Digitale Technologien schaffen neue Möglichkeiten, bringen aber auch neue Herausforderungen mit sich. Soziale Medien, Streaming-Plattformen und künstliche Intelligenz können den Zugang erweitern, doch Algorithmen und KI-Systeme können zugleich Vorurteile verstärken und Stereotype reproduzieren. In diesem digitalen Zeitalter und Umfeld sollten wir daher sehr genau darauf achten, wie wir sicherstellen können, dass diese Technologien die Vielfalt fördern, anstatt neue Barrieren zu schaffen.

Entscheidend ist jetzt vor allem, das Gespräch am Leben zu erhalten. Nicht zu denken: »Darauf haben wir uns lange genug konzentriert. Wenden wir uns etwas anderem zu.« Oder: »Der Wandel verläuft so langsam, vielleicht ist er ohnehin aussichtslos.« Wir müssen geduldig sein. Diese Strukturen haben die Branche über Jahrzehnte geprägt. In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren wurde viel erreicht, aber wir stehen noch immer ganz am Anfang. Wirklicher und grundlegender Wandel braucht deutlich mehr Zeit.

Anya Mathilde Poulsen, Autorin von »Vilde kvinder, mørke toner – om køn og musik« (Wilde Frauen, dunkle Töne – über Geschlecht und Musik) und Mitbegründerin von HUN SOLO


The Importance of Numbers and Networks – Music and Equality in Denmark

No one knew for certain how skewed the gender balance in Danish music was until 2011. That year, a number of music organizations commissioned a report that fundamentally changed the debate. Across a wide range of areas – from artists to industry professionals, media gatekeepers and more – the ratio was found to be roughly 80 percent men to 20 percent women.

Before 2011, discussions about gender inequality in music had struggled to gain traction in Denmark. Perhaps because there had long been an unofficial narrative that gender equality was something we fixed in the 1970s. This left little room for discussions of structural barriers, and it was not unusual to hear statements that women in music should just step up and compete.

First steps: camps and community

Once the numbers were visible, change began. Early initiatives focused on music camps for girls and young women, creating supportive spaces to meet, develop skills, and build confidence as musicians and songwriters. Pop-Pilot launched in 2012, inspired by Sweden’s long-running Popkollo camps. JazzCamp for Girls followed in 2014 and expanded internationally in 2019.

Several other talent development initiatives emerged in the 2010’s. Among them, She Can Play as a next step towards a professional career. And Future Female Sounds with an aim to change the male-biassed narrative of the DJ.

Festivals, diversity and equality

In 2013, Canadian artist Peaches called out the gender imbalance of Roskilde Festival with the tweet: »138 ARTISTS, 11 WOMEN, 21 MIXED, 106 MEN«. Around the same time, journalists began scrutinizing festival line-ups across Denmark, putting the issue firmly on the agenda.

Where festivals and venues had long insisted that »quality« alone determined their bookings, a conversation gradually emerged about unconscious bias and representation. Roskilde, the largest music festival in the north, became a leader in this work, culminating in its Diversity & Equity Action Plan 2022–2025. In 2024, the festival featured more acts fronted by women than men for the first time. Some Danish festivals, however, still lag behind with sometimes very imbalanced bills.

Artists organizing for change

Artists themselves also took action. In 2016, the showcase initiative HUN SOLO was launched to spotlight the wealth of female talent often overlooked by festivals and venues. Since beginning on a small library stage, HUN SOLO has presented more than 150 musicians and recently celebrated its tenth anniversary in the main concert hall of The National Danish Broadcasting Corporation.

Musikbevægelsen af 2019 (The Music Movement of 2019) began as a grassroots Facebook group for women and gender minorities to exchange advice, find collaborators, and support one another. Now it has become a remarkable network of solidarity and an influential voice in the debate.

And then MeToo arrived

In 2020, the movement of #MeToo had slowly faded out in the consciousness and public debate in Denmark. That changed when TV host Sofie Linde shared her experiences of sexism in the media industry during a televised speech, triggering a national reckoning.

The spotlight quickly widened to include music. 97 female musicians spoke to the newspaper Politiken about experiences of discrimination, harassment, and assault. A courageous move, as the artists and industry women had often kept quiet for fear of jeopardizing their careers.

Then, in 2024, the documentary »Sexism in the Music Industry« further exposed the problems. Artists such as Pernille Rosendahl and Mathilde Falch criticized the intense scrutiny of women’s bodies, with Mathilde Falch pointing out that songwriting comes from your soul, but once you enter the industry, the marketing of your music suddenly revolves around your appearance and whether you look like someone men want to have sex with. Katinka explained that the title track of her album »Vi er ikke kønne nok til at danse« (We Are Not Pretty Enough to Dance) was inspired by the way the industry had made her feel about her body. The documentary also caused a stir with stories of the status abuse and inappropriate behaviour of certain prominent male musicians.

Awareness, age problems – and a chart-topping woman at last

The gender-related problems in Danish music are far from solved, but there is an awareness now and a willingness to discuss, to act. Recent reports even suggest progress, albeit slow.

Significant inequalities are still present, though. Numbers from the music rights organization Koda show that women receive only 11 percent of total royalty payments. Their share also drops sharply after the age of 40 – a pattern not seen among men. This raises questions about whose careers the industry values and sustains over time. Might we dream of a future which is celebratory of older women, too? Just like we celebrate older male icons for their ruggedness, experience and authority. We need a wide array of stories and perspectives – we all miss out when women’s voices are lost.

On the hopeful side, there is a development among young members of Koda, where the number of female artists is increasing.

Last year also brought a refreshing shake-up at the top of the annual national album chart with young breakout star Annika reaching No. 1 as the first Danish female artist since 1999.

Where the action is now

At the policy level, gender equality is a priority in the Danish Ministry of Culture’s Music Action Plan 2023–2026. The Danish Broadcasting Corporation initiated a project in 2021 to increase the share of female artists in its music content and hosts an annual summit. And gender knowledge center KVINFO plays a significant role through research, advocacy, and support for key initiatives.

Family life and parental leave are a new focus area. Last year, a report documented that having children affects women musicians’ careers much more than men’s. This year, music organizations and trade unions called for legal changes to ensure fair access to parental leave benefits for musicians and others with multiple income sources.

Digital technologies are creating new opportunities, but also new challenges. Social media, streaming platforms and AI can broaden access, but algorithms and AI systems may reinforce biases and reproduce stereotypes. In this digital age and landscape, we should pay great attention to how we can ensure that the technologies support diversity rather than create new barriers.

What is crucial now is also, ultimately, to keep the conversation alive. To avoid thinking: »We’ve focused on this for long enough. Let’s move on to something else.« Or: »Change is slow, maybe it’s futile.« We need to be patient. These structures have shaped the industry for decades. Much has been achieved over the past ten, fifteen years, but we’re still only at the starting point. It takes much longer to achieve real and fundamental change.

Anya Mathilde Poulsen, author of »Vilde kvinder, mørke toner – om køn og musik« (Wild women, dark notes – on gender and music) and co-founder of HUN SOLO