Der Kampf gegen Geschlechterungleichheit in der schwedischen Popmusik: ein Überblick über die letzten 26 Jahre
Die schwedische Landschaft der Initiativen zur Geschlechtergleichstellung und des feministischen Aktivismus im Musikleben ist vital und vielfältig. Sie umfasst staatlich geförderte Projekte, Brancheninitiativen sowie feministische Basisvereine und -projekte, die unter anderem von Instrumentalist·innen, Sänger·innen, Musikproduzent·innen, Songwriter·innen und Komponist·innen organisiert werden, und erstreckt sich über verschiedenste Musikgenres und -szenen hinweg. Im Folgenden wird eine Auswahl feministischer Basisvereine und Initiativen in der Popmusik seit den frühen 2000er Jahren vorgestellt.
Veränderung durch Bildung: Musikcamps und Workshops
Durch Vereinigungen wie Rockrebeller, She’s Got the Beat und Popkollo, die alle Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre von Künstlerinnen und Musikerinnen ins Leben gerufen wurden, haben sich Frauen und geschlechtsdiverse Menschen, die Rock- und Popmusik spielen und Songs schreiben wollen, zusammengeschlossen, um gemeinsam zu musizieren und Musikworkshops und -camps für Mädchen und Transjugendliche zu organisieren. Als Reaktion auf die Überrepräsentation männlicher Musikschaffender in verschiedenen Popmusikszenen und aus der Überzeugung heraus, dass jeder Mensch das Recht hat, sich durch Musik auszudrücken, ist Popkollo bis heute mit lokalen Gruppen in ganz Schweden aktiv und inspiriert weiterhin junge Frauen und trans Jugendliche, ein Instrument zu erlernen, zu singen, Musik zu produzieren und auf ihre eigene Weise kreativ zu sein.
Im Anschluss an diese frühen, von Künstler·innen und der Basis getragenen Initiativen, werden heute von mehreren Organisationen in ganz Schweden Musikcamps und Workshops für Mädchen und trans Jugendliche organisiert. Zwei aktuelle Beispiele sind Sweden Rock Kollo, das sich an Mädchen richtet, die Hardrock spielen möchten – ein besonders männerdominiertes Genre –, und Empower Productions, das sich an Mädchen und nicht-binäre Jugendliche richtet, die sich für die Musikproduktion und die Arbeit in Tonstudios interessieren. Man geht davon aus, dass durch die Digitalisierung und die Möglichkeit, Musik am Computer zu produzieren, mehr Gruppen einen leichteren Zugang zum Musikschaffen erhalten. Gleichzeitig reproduziert das digitale Musikschaffen dieselben geschlechtsspezifischen Strukturen wie in anderen Bereichen der Popmusik, wobei die Überrepräsentation von Männern bei den Aufnahmen in den Musikstudios und beim Songwriting besonders auffällig ist. Vor diesem Hintergrund führt Popkollo seit 2015 ein Ausbildungsprogramm zur Musikproduktion für aktive Musikproduzent·innen ab 20 Jahren mit dem Titel »Vem kan bli producent« (Wer kann Produzent·in werden?) durch. Ziel ist es, Frauen und Produzent·innen unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten in einem explorativen Bildungsumfeld den Zugang zur Technologie zu ermöglichen und dabei gesellschaftliche Geschlechternormen im Zusammenhang mit Technologie im Allgemeinen und Audiotechnik im Besonderen in Frage zu stellen.
Allianzen schmieden durch feministische Netzwerke und Kollektive in der Musik
Neben Bildungsinitiativen organisieren sich weibliche sowie nicht-binäre Künstler·innen, Musiker·innen, Musikproduzent·innen und Songwriter·innen auch in unabhängigen musikfeministischen Netzwerken und Studiokollektiven. Auf struktureller Ebene versuchen sie, geschlechtsspezifische Ungleichheiten und sexuelle Belästigung in verschiedenen Musikszenen zu bekämpfen, während sie auf praktischer Ebene Unterstützung bieten und die berufliche Weiterentwicklung der Musikschaffenden selbst fördern. Lilith Eve, ein unabhängiger Verein für Künstlerinnen und nicht-binäre Künstler·innen und Songwriter·innen aller Musikgenres, wurde im Jahr 2000 gegründet, um die Zusammenarbeit zwischen Songwriter·innen, aber auch mit anderen Akteuren des Musiklebens zu fördern und so Songwriterinnen und nicht-binäre Songwriter·innen durch verschiedene Musikveranstaltungen in den Vordergrund zu rücken. Sowohl das Upfront Producer Network als auch die Oda Studios haben es sich zur Aufgabe gemacht, weibliche und geschlechtsdiverse Musikproduzent·innen, Tontechniker·innen und Künstler·innen durch enge Zusammenarbeit und Wissensaustausch – und im Falle der Oda Studios durch einen gemeinsamen Arbeitsort – zu fördern und zu stärken. Als letztes Beispiel sei Femtastic genannt, ein Netzwerk für Frauen im Hip-Hop und in der Urban-Musik, das zusammen mit seiner landesweiten Kampagne FATTA! maßgeblich dazu beitrug, das Thema sexuelle Gewalt allgemein in den Fokus zu rücken und im Jahr 2018 Änderungen am schwedischen Vergewaltigungsgesetz voranzutreiben, das umgangssprachlich auch als »das neue Einwilligungsgesetz« bezeichnet wird.
Zu den früheren Beispielen für gemeinnützige Vereine, deren Ziel es ist, Frauen in von Männern dominierten Musikszenen zu unterstützen und zu fördern, die aber allen Geschlechtern offenstehen, um sich im Kampf gegen geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu engagieren, gehören IMPRA und EPOS. IMPRA wurde 2006 von zwei Jazzsängerinnen gegründet, um ein Netzwerk für Instrumentalistinnen und Sängerinnen zu schaffen, in dem sie Erfahrungen austauschen und eine gemeinsame Stimme finden können, sowie um das Bewusstsein und die Debatte über geschlechtsspezifische Ungleichheiten in der breiteren schwedischen Jazzszene anzuregen. Über ihre lokalen Ortsgruppen in ganz Schweden organisiert IMPRA Jam-Sessions in lokalen Jazzclubs, Jazzcamps für Mädchen und inspirierende Vorträge für Mitglieder und beteiligt sich an der öffentlichen Debatte über Fragen der Geschlechtergleichstellung in der Musik. Seit 2012 wird der IMPRA-Gold-Preis an Jazzclubs, Einzelpersonen, Gruppen und andere Organisationen verliehen, die sich aktiv für eine geschlechtergerechtere Jazzszene einsetzen. EPOS steht für »Equality and Plurality on Stage«, wurde 2008 gegründet und verfolgt ähnliche Ziele wie IMPRA, jedoch im Kontext von Folk- und Weltmusik sowie Tanz, und organisiert Residenzen, Mentoring-Programme, Netzwerktreffen und Konzerte.
Veränderungen durch Festivals und Interessenvertretungen
Abschließend wenden wir uns den Festivalbühnen und dem Engagement für eine Zukunft zu, in der weibliche und geschlechtsdiverse Künstler·innen und Musiker·innen und ihre Musik ebenso wertgeschätzt werden wie die ihrer männlichen Kollegen. Das Jämställd Festival (Festival für Gleichstellung) war eine Initiative, die zwischen 2012 und 2017 Jahresberichte zur Geschlechterverteilung auf den zehn größten Musikfestivals Schwedens veröffentlichte, die öffentliche Meinung prägte und Workshops zum Thema geschlechtergerechte Buchungspraxis organisierte. Während Festivalveranstaltende oft auf einen Mangel an qualifizierten Künstlerinnen verwiesen, zeigte das Jämställd Festival durch seine Arbeit, dass die Dominanz männlicher Künstler auf den Festivalbühnen eher auf sexistische Einstellungen und Wertvorstellungen gegenüber Musikerinnen und ihrer Musik zurückzuführen war.
Heute arbeiten mehrere Festivals aktiv daran, die Mitwirkenden unter Berücksichtigung der Geschlechtergleichstellung zu buchen, während immer wieder neue Festivals entstehen, bei denen ausschließlich Frauen und geschlechtsdiverse Künstler·innen auf der Bühne stehen – sowohl, um Geschlechterdiskriminierung zu bekämpfen, als auch um Musik zu fördern und zu feiern, die den künstlerischen Ausdruck über verschiedene Musikszenen hinweg erweitert. Zwei aktuelle Beispiele sind No Excuse, ein Rockfestival, bei dem alle Bands von Frontfrauen angeführt werden, und das Cyme Fest, ein Festival für experimentelle Clubmusik, das vom Kreativkollektiv und der DJ-Gruppe Ladieslove ins Leben gerufen wurde.
Zum Abschluss dieses Überblicks über ein Vierteljahrhundert des Kampfes gegen geschlechtsspezifische Ungleichheiten in der Popmusik kommen wir zum internationalen Netzwerk Keychange, das Schweden über das Musikcentrum Öst im Jahr 2017 mitgegründet hat, sowie zu dessen Manifest 2.0. Das 2024 veröffentlichte Manifest bündelt die Stimmen von Künstler·innen und Musikinnovator·innen und fordert ein breites Engagement im Kampf gegen geschlechtsspezifische Ungleichheiten. Dabei wird auch betont, dass dieser Kampf eng mit Fragen der rassischen, ethnischen, kulturellen, sozioökonomischen, behindertenbezogenen und ökologischen Gerechtigkeit verbunden ist. Es ist sowohl ein Aufruf zum Handeln als auch eine Botschaft der Hoffnung auf eine bessere musikalische Zukunft für alle.
Rebecca Dobre Billström
Tackling Gender Inequalities in Swedish Popular Music: A Snapshot of the Last 26 Years
The Swedish landscape of gender equality initiatives and feminist activism in musical life is vibrant and diverse. It includes government-supported projects, industry initiatives, and feminist grassroots associations and projects organised by instrumentalists, singers, music producers, songwriters and composers, among others, and spans across music genres and scenes. In what follows, a selection of feminist grassroots associations and initiatives in popular music since the early 2000s is presented.
Educating for change through music camps and workshops
Through associations such as Rockrebeller, She’s Got the Beat and Popkollo, all of which were started in the late 1990s and early 2000s by women artists and musicians, women and gender-diverse people aspiring to play rock and pop music and write songs have come together both to play and to organise music workshops and camps for girls and trans youth. As a reaction against the overrepresentation of male musicians in various popular music scenes, and with a belief in everyone’s right to express themselves through music, Popkollo is still active today, with local chapters across Sweden, and continues to inspire young women and trans youth to take up an instrument, sing, produce music and be creative in the way they want.
Following these early artist- and grassroots-driven initiatives, music camps and workshops for girls and trans youth are today organised by several organisations across Sweden. Two recent examples are Sweden Rock Kollo, which targets girls who want to play hard rock music, a particularly male-dominated genre, and Empower Productions, which is aimed at girls and non-binary youth interested in music production and studio recording. With digitalisation and the opportunity to create music using a computer, there is a perception that more groups have gained easier access to music creation. At the same time, digital music creation reproduces the same gendered structures as other popular music practices, and particularly striking is the overrepresentation of men working in music studios with recording and songwriting. Against this background, since 2015 Popkollo has run a music production training programme for active music producers above the age of 20, called Vem kan bli producent (Who can become a producer). The aim is to make technology accessible to women and gender-diverse producers in an explorative educational environment, challenging social gender norms around technology in general and audio technology in particular.
Building alliances through music-feminist networks and collectives
In addition to educational initiatives, women and non-binary artists, musicians, music producers and songwriters also organise themselves in independent music-feminist networks and studio collectives. On a structural level, they seek to combat gender inequalities and sexual harassment in various music scenes, while on a practical level offering support and promoting professional development among music-makers themselves. Lilith Eve, an independent association for women and non-binary artists and songwriters across music genres, was founded in 2000 to promote collaboration between songwriters, but also with other actors in musical life, in order to highlight women and non-binary songwriters through various music events. Upfront Producer Network and Oda Studios are both dedicated to highlighting and empowering women and gender-diverse music producers, sound engineers and artists through close collaboration and knowledge sharing, and, in Oda’s case, through a shared workplace. As a final example, Femtastic, a women’s hip hop and urban music network, together with its national campaign FATTA!, was a driving force in raising issues of sexual violence in general and contributing to the changes made to Swedish rape legislation in 2018, colloquially called »the new consent law.«
Earlier examples of non-profit associations whose aim is to support and promote women in music scenes dominated by men, but that are open to all genders to engage in the struggle against gender inequalities, include IMPRA and EPOS. IMPRA was founded in 2006 by two women jazz singers with the aim of creating a network for women instrumentalists and singers to share experiences and form a collective voice, as well as to stimulate awareness and debate around gender inequalities in the larger Swedish jazz scene. Through its local chapters across Sweden, IMPRA arranges jam sessions at local jazz clubs, jazz camps for girls, inspirational member lectures, and participates in public debate on gender equality issues in music. Since 2012, IMPRA Gold has been awarded to jazz clubs, individuals, groups and other organisations that have demonstrated active work towards a more gender-equal jazz scene. EPOS, which stands for Equality and Plurality on Stage and was founded in 2008, builds on similar objectives to IMPRA, but in the context of folk and world music and dance, arranging residencies, mentoring programmes, network meet-ups and concerts.
Shaping change through festivals and advocacy
Finally, we turn to festival stages and the commitment to a future in which women and gender-diverse artists and musicians, and their music, are valued equally to those of their male colleagues. Jämställd festival (Gender Equal Festival) was an initiative that released annual reports on the gender distribution at Sweden’s ten largest music festivals between 2012 and 2017, shaped public opinion, and organised workshops on gender-equal booking. While festival promoters often referred to a lack of qualified women artists to book, Jämställd festival demonstrated through its work that the dominance of male artists on festival stages was more a matter of sexist attitudes and values towards women musicians and their music.
Today, several festivals actively work with the ambition of booking artists with gender equality in mind, while new festivals continue to emerge where only women and gender-diverse artists take the stage, both to combat gender discrimination and to promote and celebrate music that broadens artistic expression across different music scenes. Two recent examples are No Excuse, a rock festival where all bands are »female-fronted,« and Cyme Fest, a festival for experimental club music initiated by the creative collective and DJ group Ladieslove.
To conclude this story of a quarter century of tackling gender inequalities in popular music, we come to the international network Keychange, which Sweden, through Musikcentrum Öst, co-founded in 2017, and its Manifesto 2.0. Launched in 2024, the manifesto brings together the collective voice of artists and music innovators, calling for a broad commitment to challenging gender inequalities and recognising how this struggle is closely linked to racial, ethnic, cultural, socio-economic, disability and environmental justice. It is both a call to action and a message of hope for a better musical future for all.
Rebecca Dobre Billström