Ein starker Impuls für Veränderung
Die finnische Musikindustrie weist eine Besonderheit auf: Sie ist geprägt vom Erfolg einheimischer Musik in der Landessprache. Dies lässt sich in den Charts von digitalen Streaming-Plattformen, im Radio und bei den physischen Verkäufen beobachten. Weltweit bekannte Superstars wie Taylor Swift schaffen es dagegen kaum in die finnischen Jahresend-Charts. Während eine neue Generation von Rappern mehr Diversität in die bisher von überwiegend weißen Musikern besetzte Spitze gebracht hat, bleiben Frauen und nicht-binäre Personen weiterhin unterrepräsentiert.
Geschlechtsspezifische Ungleichheiten lassen sich am deutlichsten am Gefälle bei den Einnahmen aus Urheberrechten beobachten. Seit 2021 haben sich die Tantiemen für Künstlerinnen und Produzentinnen nur um wenige Prozentpunkte in Richtung Parität bewegt (2021: 19,5 %; 2025: 22,2 %), während die Tantiemen für Komponistinnen, Texterinnen und Arrangeurinnen bei etwa 15,5 % stagnieren. Da die Datengrundlage auf Sozialversicherungsnummern basiert, liegen die Geschlechterdaten nur in binärer Form vor.
Trotz der nur langsamen Fortschritte auf dem Weg zur Geschlechterparität hat die finnische Musikindustrie Umfragen zufolge den starken Willen, aktiv auf Gleichstellung hinzuarbeiten. Dies liegt an einer gestiegenen Sensibilität für die Herausforderungen der Branche sowie an dem Engagement vieler mutiger Menschen in der Branche.
Mitte der 2010er Jahre schlugen Akteur·innen der finnischen Musikindustrie erstmals Alarm hinsichtlich der Herausforderungen in den Bereichen Geschlechtergleichstellung und Nichtdiskriminierung. So entwickelte und unterschrieb ein breites Bündnis von Musikorganisationen und -unternehmen ein Versprechen zur Förderung der Gleichstellung, der Nichtdiskriminierung und der Diversität in der Branche. Außerdem wird parallel dazu unter der Federführung der Urheberrechtsgesellschaften Teosto und Gramex, der Organisation für den Musikexport Music Finland sowie von finnischen Universitäten zu Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in der Branche geforscht.
Viele prominente Künstler·innen haben ihre Stimme und ihre Plattformen genutzt, um ihre Erfahrungen und Ansichten zu den anhaltenden Herausforderungen zu teilen. Zu ihnen zählen Pionierinnen und Pioniere wie Maija Vilkkumaa, PMMP, Sanni, Ellinoora, Paleface, Nylon Beat, Asla Jo, Gracias, Yeboyah, F, Adikia, OLGA, Gasellit, Mercedes Bentso, Pihlaja, Yona, Hassan Maikal, Alma und andere. In einer Kultur, in der Türen sich oft aus den oberflächlichsten Gründen schließen können, ist der Mut dieser Musiker·innen nicht zu unterschätzen.
Ein starker Impuls für mehr Vielfalt und Chancengleichheit geht auch von der Zusammenarbeit zwischen gemeinnützigen Organisationen und privaten Unternehmen aus. So bietet beispielsweise die 2018 gegründete Emma School – ein Gemeinschaftsprojekt der Emma Awards und der Städte Helsinki und Espoo – 16- bis 29-Jährigen einen Einblick in die Musik- und Veranstaltungsbranche. Im Rahmen dieses Projekts erhalten junge Erwachsene die Möglichkeit, durch praktische Erfahrungen eine Showcase-Veranstaltung zu organisieren und dort aufzutreten. Ein weiteres Beispiel ist das Rap Studio Bootcamp (2021–2023), das Frauen, nicht-binären und trans Personen die Möglichkeit bot, Mentoring zu bekommen und an einem Mixtape mitzuwirken. Auch der Musikproduktionskurs Prod by Me (2024–heute) zielt auf den Abbau der deutlichen Unterrepräsentation von Frauen, nicht-binären und trans Personen in der Musikproduktion, die der nach wie vor am stärksten geschlechtsspezifisch geprägte Bereich der Musikbranche ist.
Beim Aufbau einer Karriere im Musikbusiness spielen die Unterstützung durch Menschen mit ähnlichen Zielen, Inspiration sowie das Finden neuer Kooperationspartner·innen eine wichtige Rolle. Das Veranstaltungsformat Musamimmien päivä (seit 2023) und das Netzwerk SheSaid.so Finland (seit 2024) haben Gemeinschaften und geschützte Räume für Frauen und geschlechtsdiverse Menschen geschaffen. Sie haben sich als wichtige Umgebungen erwiesen, die dazu beitragen, die gläserne Decke in einer männerdominierten und hart umkämpften Branche zu durchbrechen.
Seit 2023 bringt das Projekt Equal Futures in Music eine wegweisende Gruppe von Vorreiter/-innen aus allen Bereichen der Branche zusammen: Künstler·innen, DJs, Plattenlabels, Musikfestivals, Live-Veranstaltungsorte, Live-Agenturen, Musikorganisationen, Gewerkschaften, Förderer sowie Musikpädagogik und Medien. Initiativen dieser Art spielen eine wichtige Rolle dabei, die notwendigen Schritte zur Umgestaltung der Musikindustrie zu definieren. Schließlich kann man kein Tor schießen, wenn man nicht weiß, wo sich das Tor befindet.
Für die Zukunft strebt die finnische Musikindustrie mehr Vielfalt sowie Wachstum auf nationaler wie internationaler Ebene an. Bereits jetzt haben finnische Musikschaffende an Songs von internationalen Popstars wie Justin Bieber, Kylie Minogue, David Guetta, Miley Cyrus, 50 Cent und Burna Boy mitgewirkt. Dies zeigt, dass dem Erfolg keine Grenzen gesetzt sind, wenn alle Akteur·innen der Musikindustrie gemeinsam auf eine gleichberechtigte Zukunft hinarbeiten. Die Arbeit begann bereits vor Jahrzehnten und hat in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen.
Tomi Rantanen, Designer/Forscher an der Aalto-Universität (Finnland)
A Strong Push Towards Change
The Finnish music industry has a distinctive characteristic – it is defined by the success of domestic music in the local language. This can be observed in top lists across digital streaming platforms, radio and physical sales. Global superstars, such as Taylor Swift, hardly make it to the year-end top lists. While a new generation of rappers has diversified the historically white group of Finnish top artists, the women and non-binary people’s position remains more precarious.
Gender inequalities are best observed in the pay gap in music copyright royalty payments. Since 2021, women’s payments for performer and producer royalties have moved only a few percentage points towards parity (2021: 19.5%; 2025: 22.2%), while composer, lyricist and arranger royalties have remained stagnant at around 15.5%. The data is available only in binary form due to Social Security ID-based systems.
Despite the slow change towards gender parity in the statistics, surveys show that the Finnish music industry has a strong will to actively work towards equality. This is a result of increased awareness about the challenges and the commitment of courageous people from across the sector.
Around the mid-2010s, Finnish music industry actors first raised the alarm about gender equality and non-discrimination challenges when a broad group of music organisations and companies developed and signed pledges for promoting equality, non-discrimination and diversity in music. With the leadership of copyright associations Teosto and Gramex, export-focused Music Finland and local universities, the inequalities and inequities have been researched concurrently ever since.
Many trailblazing artists have used their voice and platform to share their experiences and views about the ongoing challenges. Among them are pioneers, such as Maija Vilkkumaa, PMMP, Sanni, Ellinoora, Paleface, Nylon Beat, Asla Jo, Gracias, Yeboyah, F, Adikia, OLGA, Gasellit, Mercedes Bentso, Pihlaja, Yona, Hassan Maikal, Alma and others. Their bravery cannot be underestimated in a culture where doors can be shut for the most superficial matters.
A strong push towards increased representation and equal opportunity also comes from the collaboration between non-profits and private companies. For example, Emma School (2018-present), a joint effort by the Emma Awards and the cities of Helsinki and Espoo, introduces the music and event industries for 16–29-year-olds, and gives them a hands-on learning opportunity to organise a showcase event and to perform in it. Between 2021 and 2023, Monsp Records (Warner Music Finland) and HMC Publishing’s Rap Studio Bootcamp provided mentoring and a placement in a mixtape for upcoming women, non-binary and trans artists. Similarly, Prod by Me music production course (2024-present) is targeted towards women, non-binary and trans people’s severe underrepresentation in the field of music production, which remains the most gendered field.
Getting peer support, inspiration and finding new people to collaborate with are all powerful and meaningful elements in a career pathway. The Finnish Women in Music Business Events (Musamimmien päivä; 2023–present) and SheSaid.so Finland network (2024–present) have built communities and counter spaces for women, gender diverse people and allies. They have been essential safe spaces, helping to break through the glass ceilings in a male-dominated and highly competitive industry.
More recently, the Equal Futures in Music project (2023–present) brought together a transformative group of frontrunners from all aspects of the industry: artists, musicians, DJs, record labels, music festivals, live venues, live agencies, music organisations, trade unions, funders, music education and media. Together, the group co-created a 2040 transition agenda: vision, objectives, change trajectories and actions. These types of initiatives play an important role in articulating the steps needed to reform the music industry. After all, it is impossible to score if the goals are not visible.
Going forward, the Finnish music industry aims to be more diverse and grow both domestically and internationally. Already, Finnish music creators have made contributions to artists like Justin Bieber, Kylie Minogue, David Guetta, Miley Cyrus, 50 Cent and Burna Boy. This shows that there are no limits to success if the music industry can work together towards an equal future. The work began decades ago and is going forward stronger than ever.
Tomi Rantanen – Designer/researcher at Aalto University in Finland